Grundlagen der Familienforschung - Workshop

Einige Impressionen des Workshops "Grundlagen der Familienforschung" an der MOB vom 17./18.02.2017

©Andreas Rösler


Die Folien zum Vortrag von Prof. Gernot A. Fink und Leonard Rothacker "Wordspotting in historischen Dokumenten" können über das Repositorium der TU Dortmund eingesehen werden.


Bericht von Andreas Rösler

Zu einem gemeinsamen Workshop „Grundlagen der Familienforschung“ hatten am 18. und 19. Februar 2017 die AGoFF e.V. und die Martin-Opitz-Bibliothek in Herne in deren Räume geladen. Da es sich um eine offene Veranstaltung handelte, wussten die Veranstalter im Vorfeld nicht, auf welchen Zuspruch ihr Angebot stoßen würde. Ein Artikel in der WAZ, Nachrichten in Mailinglisten und der Hinweis im Newsletter der MOB verfehlten ihre Wirkung nicht. Rasch stellte sich heraus, dass die gestellten Stühle nicht ausreichten. Auch nachdem der letzte im Haus greifbare Stuhl besetzt war, mussten noch einige Teilnehmer stehen. Etwa 70 Gäste konnten Dr. Hans-Jakob Tebarth und Jürgen Frantz schließlich begrüßen. Weitere Besucher kamen hinzu, der Auskunftsdienst der AGoFF im Foyer wurde zeitweise regelrecht belagert und Gabi Drop hatte alle Hände voll zu tun, um die vielen Anfragenden zu beraten.

Dr. Hans-Jakob Tebarth begrüßte die Teilnehmer in seinem Haus, verwies darauf, dass sie die größte Spezialbibliothek für die historischen deutschen Siedlungsgebiete ist und lud alle ein, als Leser die umfangreichen Bestände und vielfältigen Möglichkeiten der Bibliothek zu nutzen. Er freue sich, dass die Bibliothek und die AGoFF seit 37 Jahren eng miteinander verbunden sind, weshalb seit 1980 auch Bibliothek und Archiv des Vereins in den Räumen der MOB beheimatet sind. Die AGoFF ist, so verdeutlichte es Jürgen Frantz in seiner Begrüßung, in der MOB zuhause und hat mit ihr einen idealen Partner, sind doch die Schwerpunktsetzungen auf die historischen Siedlungsgebiete der Deutschen östlich von Oder und Neiße ähnlich. Die dort lebenden Deutschen definierten sich über ihre Sprache und ihren Glauben, rechtlich wechselte ihre Staatsbürgerschaft immer wieder. Sein Großvater wurde 1880 als russischer Staatsbürger geboren, sein Vater 1929 als polnischer und er selbst hatte sich, da vor 1964 geboren, 1986 beim Eintritt in das Referendariat zur Herleitung seiner Staatsbürgerschaft zu erklären; eine gerade für das Forschungsgebiet Mittelpolen häufige Konstellation. So kann man die Geschichte der deutschen Kolonisten in Mittelpolen durch die Erfassung von z. T. vorhandenen Kirchen- und Schulgeldlisten, über die er anschließend sprach, auch gut erforschen, wenn Kirchenbücher und Zivilstandsregister verloren gingen. Bei der Gründung der Kolonien bekamen die Kolonisten vom Grundherren einen Bauplatz für die Kirche und einen Platz für einen Friedhof, später auch für eine Schule zugewiesen. In solchen Listen finden sich oft Hinweise zum Erwerb und Besitz der Kolonisten sowie ihren Beitrag für die Kirchenschule. Auch wenn das Zentralarchiv des Konsistoriums der Ev.-Augsburgischen Kirche in Polen, derzeit im Archiv alter Akten in Warschau untergebraucht, durch den Überfall Deutschlands auf Polen im Jahr 1939 erhebliche Verluste zu verzeichnen hatte, gibt es noch eine ganze Reihe solcher Listen, die für eine Auswertung zur Verfügung stehen. Die Auswertung mündet in eine auf der Webseite des Vereins für die Mitglieder zugänglichen Datenbank.

Bei einer anschließenden Führung durch die Martin-Opitz-Bibliothek mit Dr. Arkadiusz Danszczyk konnte ein kleiner Einblick in die vielfältigen Möglichkeiten und die umfangreichen Bestände der Bibliothek gegeben werden. Das wurde ergänzt durch die Vorstellung des elektronischen Lesesaals (EL) mit seiner Schnittstelle zur AGoFF-Web-Seite, sowie der neu gestalteten MOB-Web-Seite und Katalogsuche der MOB. Neu ist ein zentraler Veranstaltungskalender, die umfangreiche Information zu digitalen Sammlungen und virtuelle Ausstellungen, im Moment ist gerade die Ausstellung „Grenzräume“ zu sehen. Im elektronischen Lesesaal befinden sich derzeit etwa 4 000 Digitalisate, deren Sichtbarkeit je nach den Urheberrechten unterschiedlich gestaltet werden kann.

Nach der Mittagspause, während der aller Orten anregende Gespräche und Diskussionen geführt wurden, stellten Prof. Dr. Gernot A. Fink und Leonard Rothacker von der TU Dortmund „Word-Spotting“, ein Projekt der automatischen Handschriftenerkennung für historische Dokumente, vor. Auch wenn der Traum von der automatischen Erkennung ganzer Handschriftentexte damit nicht in Erfüllung gehen kann, zeigten beide sehr anschaulich, welche Möglichkeiten sich mit der Auffindung einzelner Wörter in Dokumenten verbinden. Es handelt sich dabei um ein beispielbasiertes Suchen, für das kein Vorbereitungsaufwand anfällt. Bei homogenen Texten kann inzwischen eine Suchgenauigkeit von über 90% erreicht werden, was an einer Abschrift von Briefen George Washingtons verdeutlicht werden konnte.

Folgerichtig war deshalb der nächste Programmpunkt, Leseübungen in alten Dokumenten des 19. und 20. Jahrhunderts mit Dr. Peter Bahl. Ausgang war ein Zeitungsartikel in der Süddeutschen Zeitung von 2009 „Ist Sütterlin eine Geheimschrift?“, der die Klage eines Häftlings der JVA Celle abhandelte, dem der Empfang von Briefen verwehrt worden war, weil man in der Sütterlinschrift eine Geheimschrift vermutete. Ausgestattet mit Kopien eines Schullöschblattes und dem Druck eines Normalalphabets, beide aus dem Anfang des 20. Jahrhunderts, versuchten die Teilnehmer, angeleitet vom Referenten, drei Schriftproben vollständig zu entziffern, einem Geburtszeugnis aus Lublin von 1901, dem Titelblatt des Taufregisters der Kirchenbuchzweitschrift von Wolstein aus dem Jahr 1819 und einem Supplikat (Kurzfassung eines Briefes) Georg Friedrichs von Mönchow von 1744 an das Hofgericht in Köslin wegen des Streites um Mobiliar. Das gestaltete sich für einige Teilnehmer schwieriger als gedacht und mancher kam gehörig ins Schwitzen. So konnten sie sich beim folgenden Vortrag „AGoFF-Indexierungsprogramm und Indexierung von Massendaten am Beispiel der Westpreußenkartei“ von Andreas Rösler ein wenig erholen. Nach der Klärung des Begriffs Massendaten und der Veranschaulichung durch Beispiele aus dem Archivbestand des Vereins wurden die Geschichte der Westpreußenkarte, die untrennbar mit Helmut Strehlau (1909-1991) verbunden ist, und der Inhalt der Sammlung erläutert. Etwa 284 000 Karteikarten bilden dabei den Kern des Bestandes, welcher der AGoFF 2014 und 2015 dankenswerterweise von den letzten Bearbeitern, Klaus-Dieter Kreplin und Hans-Jürgen Kappel, geschenkt wurde. Sodann konnte den Teilnehmern die Oberfläche für die Indexierung ausführlich vorgestellt werden, dabei vernahmen sicher viele Zuhörer, dass vielfältige Datenquellen mit diesem direkt für den Verein entwickelten Werkzeug allgemein erschlossen werden können, wenn sich genug Mitstreiter an den Indexierungen beteiligen. Die Indexierung ist dabei keine Vollerfassung der Quelle, sie dient der Suche und bei der Ausgabe der Ergebnisse werden die Bilder, auf die sich die Suchkriterien beziehen, gezeigt.

Die Vortragsreihe beschloss Dr. Ulrich Schmilewski mit „Ortsnamen und ihre Veränderungen am Beispiel Schlesiens“. Schnell wurde deutlich, dass die Kenntnisse um deren Veränderung wichtig sind damit einzelne Orte sicher lokalisiert werden können. Nach dieser Dichte an Informationen war das gemeinsame Abendessen eine wichtige Gelegenheit der Entspannung und für sehr viele interessante und anregende Gespräche, natürlich auch über mögliche weitere gemeinsame Projekte, sodass es spät wurde, bis die Teilnehmer auseinandergingen.

Am Sonntag begann der Tag mit der Beiratssitzung und im Anschluss gab es am Ausstellungsstand wieder die Möglichkeit sich beraten zu lassen.

Schwerpunkt des Tages war die Vorstellung der AGoFF-Personen-Datenbank (AGoFF-PDB) am Beispiel des Erfassungsprojektes der Kirchenbücher der Danziger Garnisonskirche durch Jürgen Frantz, der den verhinderten Programmentwickler Marco Fischer vertrat. Er zeigte auf, welche Möglichkeiten die Erfassungssoftware für die Erschließung komplexer Quellen bietet. Im Anschluss demonstrierte Lothar Krieger sehr anschaulich den aktuellen Stand der von ihm betreuten Stammbaumverwaltung – Interne TNG - Anwendung für AGoFF - Vereinsmitglieder.

Nach diesem Erfolg konnten Jürgen Frantz und Dr. Hans-Jakob Tebarth die Teilnehmer zufrieden verabschieden und bekunden, dass die Partner AGoFF und MOB auch in der Zukunft gerne gemeinsame Veranstaltungen ausrichten werden.


Programm:

Sonnabend, 18. Februar 2017:
10:00–17:00 Uhr Auskunftsdienst am Ausstellungsstand der AGoFF
09:30–10:15 Uhr Erfassung von Kirchengeld- und Schulgeldlisten in Mittelpolen (Arbeitstitel) (Jürgen Frantz [AGoFF])
10:30–11:00 Uhr Führung durch die Martin-Opitz-Bibliothek (Dr. Arkadiusz Danszczyk [MOB])
11:00–12:00 Uhr Vorstellung des elektronischen Lesesaals mit seiner Schnittstelle zur AGoFF-Web-Seite einschließlich neue MOB-Web-
Seite und Katalogsuche der MOB. (Dr. Arkadiusz Danszczyk [MOB])
12:00–13:00 Uhr Mittagspause
13:15–14:00 Uhr Projekt der automatischen Handschriftenerkennung für historische Dokumente - Word Spotting auf historischen Dokumenten (Arbeitstitel) (Prof. Dr. Gernot A. Fink & Leonard Rothacker [TU Dortmund])
14:15–15:30 Uhr Leseübungen in alten Dokumenten des 19. und 20. Jahrhunderts (Dr. Peter Bahl [AGoFF])
16:00–17:00 Uhr AGoFF-Indexierungsprogramm und Indexierung von Massendaten am Beispiel der Westpreußenkartei (Arbeitstitel) (Andreas Rösler [AGoFF])
17:15–18:15 Uhr Ortsnamen und ihre Veränderungen am Beispiel Schlesiens (Dr. Ulrich Schmilewski [AGoFF])
ab 19:00 Uhr Abendessen mit anschließendem gemütlichen Beisammensein

Sonntag, 19. Februar 2017:
09:00–10:00 Uhr Beiratssitzung
10:00–13:00 Uhr Auskunftsdienst am Ausstellungsstand der AGoFF
10:30–12:00 Uhr Vorstellung der AGoFF-Personen-Datenbank am Beispiel „Erfassungsprojekt der Kirchenbücher der Danziger Garnisonskirche (Arbeitstitel) (Marco Fischer und Gabriele Drop [AGoFF])
ab 12:30 Uhr Mittagessen, individuelle Abreise
(Änderungen bleiben vorbehalten)



Die Martin-Opitz-Bibliothek wird gefördert von der Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien.

Die Stadt Herne trägt ca. ein Drittel des Finanzbedarfs; der Landschaftsverband Westfalen-Lippe (LWL) unterstützt die MOB mit einem jährlichen Zuschuss.